Die frühen Jahre im Silicon Valley Bob Widlar: Der Analog-Rebell mit der Axt im Büro

Von Kristin Rinortner 3 min Lesedauer

Bob Widlar war einer der brillantesten und zugleich eigenwilligsten Analogentwickler des frühen Silicon Valley. Seine Schaltungen machten ihn zur Legende. Sein Umgang mit Vorgesetzten, seine Trinkfestigkeit und sein Humor sowie seine spektakulären Streiche sorgten dafür, dass auch abseits des Labors niemand so schnell vergaß, wer Widlar war.

Bob Widlar: Der legendäre Analogentwickler, der immer eine Axt im Büro hatte.(Bild:  Dall-E / KI-generiert)
Bob Widlar: Der legendäre Analogentwickler, der immer eine Axt im Büro hatte.
(Bild: Dall-E / KI-generiert)

Der Analogentwickler Robert (Bob) Widlar gehörte zu den prägendsten Figuren der frühen Halbleitertechnik: Er entwarf Schaltungen, die Maßstäbe setzten, verachtete die Überheblichkeit des Managements und hinterließ Anekdoten, die bis heute zur Geschichte des frühen Silicon Valley gehören.

Bei Fairchild Semiconductor entwickelte er frühe monolithische Operationsverstärker wie den µA702 und den µA709. Später wechselte er zu National Semiconductor, wo unter anderem der LM101 entstand. Der Operationsverstärker wurde zum De-facto-Standard und prägte die Entwicklung analoger integrierter Schaltungen. Er entwarf auch Spannungsregler und grundlegende Schaltungskonzepte wie die nach ihm benannte Stromquelle und die Bandgap-Referenz.

Analoge Schaltungstechnik verlangt ein tiefes Verständnis der Bauelemente, Erfahrung und mitunter ungewöhnliche Einfälle. Widlar brachte alle drei Eigenschaften mit und ließ sich dabei ungern von Hierarchien aufhalten. Seine Entwürfe waren genial, er selbst unberechenbar.

Mit der Axt gegen den Frust

Als die Analogtechnik König war: Widlars Poster für die Digitalentwickler.(Bild:  National Semiconductor)
Als die Analogtechnik König war: Widlars Poster für die Digitalentwickler.
(Bild: National Semiconductor)

Widlars Streiche sind mindestens so legendär wie seine Schaltungen. Insider erzählen, dass er immer eine Axt im Büro stehen gehabt haben soll, mit der er auf den Linoleumboden oder einen Baum einhackte, wenn er mit einem Design nicht weiterkam. Oder ihn etwas anderes frustrierte.

Auch seine Reiseplanung war nicht immer von nüchterner Zweckmäßigkeit geprägt. Einmal soll Widlar betrunken während eines Schneesturms auf der New Yorker Fifth Avenue umhergeirrt sein. Er versuchte herauszufinden, wie er zu Fuß nach New Jersey gelangen könnte. Er wollte zu einem Verkaufsgespräch. Ob der Termin stattfand, ist nicht überliefert.

Ein Schaf für den Rasen

Bei National Semiconductor kämpfte Widlar mit dem Rotstift. Als das Unternehmen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten die Ausgaben für die Gartenpflege kürzte, reagierte er auf seine Weise: Er kaufte ein Schaf, transportierte es in seinem Mercedes-Cabriolet zum Firmengelände, band es an die Stoßstange und ließ es das Gras abweiden. Die Aktion sorgte für Aufmerksamkeit und machte aus der Sparmaßnahme eine PR-Geschichte. Am Abend soll er das Schaf in einer Bar an den Meistbietenden versteigert haben.

Seine Abneigung gegen das Management zeigte sich auch beim Abschied von Fairchild. Auf dem Formular, das nach dem Grund für seine Kündigung fragte, schrieb er sinngemäß: „Ich möchte reich werden. X.“ (Er unterschrieb nie seinen Namen.) Er hatte gekündigt, weil man ihm eine Gehaltserhöhung verweigerte.

Widlar war nicht einfach ein exzentrischer Entwickler. Seine Genialität bestand darin, dass er mit wenigen Bauelementen und cleveren Schaltungskonzepten Lösungen entwickelte, die Maßstäbe setzten. Seine Arbeit an Operationsverstärkern, Spannungsreglern und Referenzschaltungen beeinflusste die Analogtechnik über Jahrzehnte.

Akustischer Regelkreis mit Verhaltenskorrektur

Eine seiner witzigsten Schaltungsideen war die Hassler-Schaltung. Sie sollte ein Problem lösen, das in Großraumbüros bis heute bekannt ist: Menschen, die zu laut reden, nerven. Statt die Kollegen ständig um Ruhe zu bitten, entwickelte er eine Schaltung, die Lärm von Lärm abhängig macht. Quasi ein akustischer Regelkreis mit eingebauter Verhaltenskorrektur.

Bei der Hassler-Schaltung wird Sprache über ein Mikrofon aufgenommen. Daraus wird ein hochfrequenter Störton erzeugt, dessen Pegel mit der Lautstärke des Gesprächs zunimmt. Wer verstummt, um die Ursache des nervigen Tons zu finden, sorgt zugleich dafür, dass der Effekt wieder verschwindet.

Widlar zog sich später nach Mexiko zurück, blieb der Analogentwicklung aber verbunden und stellte weiterhin neue Entwürfe vor. Am 27. Februar 1991 stirbt er im Alter von 53 Jahren an einem Herzinfarkt, als er in Puerto Vallarta joggte. Die Branche verlor einen außergewöhnlichen Schaltungsentwickler. Geblieben sind seine analogen Klassiker und die legendären Geschichten.

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Die rekonstruierte Hassler-Schaltung

Bild 2: 
Die Hassler-Schaltung schafft über einen akustischen Regelkreis Ruhe im Großraumbüro, rekonstruiert von Bob Peace nach Unterlagen von Bob Widlar.(Bild:  Dall-E / KI-generiert)
Bild 2: 
Die Hassler-Schaltung schafft über einen akustischen Regelkreis Ruhe im Großraumbüro, rekonstruiert von Bob Peace nach Unterlagen von Bob Widlar.
(Bild: Dall-E / KI-generiert)

Der Originalschaltplan der Hassler-Schaltung ist verloren gegangen. Bob Pease, selbst ein legendärer Analogentwickler, rekonstruierte sie deshalb später anhand der verfügbaren Informationen. Bild 2 zeigt die rekonstruierte Schaltung.

So funktioniert sie: Ein Elektretmikrofon nimmt Umgebungsgeräusche auf. Das Signal wird verstärkt, gleichgerichtet und geglättet. Die daraus gewonnene Hüllkurve steuert einen Oszillator, der einen hochfrequenten Ton erzeugt. Über einen MOSFET gelangt das Signal zum Lautsprecher. Eine zusätzliche pegelabhängige Freigabe aktiviert die Lautsprecherstufe erst, wenn das Eingangssignal eine einstellbare Schwelle überschreitet.

Je lauter jemand spricht, desto stärker reagiert die Schaltung. Verstummt der Störenfried, verstummt auch der Störton. Widlar brauchte also weder eine Dienstanweisung noch eine Diskussion über Büroetikette. (kr)

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