So entsteht ein 20-Euro-Smartphone im Eigenbau

| Autor / Redakteur: Alexander Merz, Golem.de* / Sebastian Gerstl

Das Telefonieren mit der Konstruktion und einem Headset ist allerdings nicht ganz trivial und erfordert beide Hände.
Das Telefonieren mit der Konstruktion und einem Headset ist allerdings nicht ganz trivial und erfordert beide Hände. (Bild: Martin Wolf/Golem.de)

Billige Bastelrechner aus China laufen noch am besten mit Android. Warum nicht tatsächlich ein Smartphone daraus bauen? Mit einem Modell von Orange Pi ist das erstaunlich einfach und vor allem günstig.

Bastelrechner von Orange Pi finden im Vergleich zu anderen SBCs wie Raspberry Pi, Beaglebone oder selbst andere Einplatinensysteme aus China bzw. Taiwan wie das Banana Pi relativ wenig Beachtung. Doch seit das Unternehmen auch ein Display mit Android-Touchfront zum Kampfpreis anbietet, hat Golem.de ein Experiment gewagt: Dort erinnerte man sich an das im Frühling 2017 erschienene Orange Pi 2G IoT und dessen SIM-Karten-Slot. So sah man die Chance, ohne viel Aufwand ein Android-Smartphone selbst zu bauen. Das ist tatsächlich gelungen - den Smartphone-Markt wird das Gerät aber wohl nicht aufrollen.

Billiger geht es nicht

Die Geschichte des Orange Pi ist durchaus interessant. Die Marke gehört dem chinesischen Unternehmen Xunlong Software aus Shenzen. Trotz des Namens entwickelt das kleine Unternehmen vor allem elektronische Geräte im Auftrag Dritter. Auch der erste Bastelrechner war eine Auftragsarbeit: Laut Aussage des Geschäftsführers Steven Zhao entwickelte die Firma im Auftrag von Foxconn den ersten Banana Pi. Später begann Xulong auf eigene Rechnung, den ersten Orange Pi zu konstruieren, woraus heute eine große Familie zum Teil sehr unterschiedlicher Modelle entstanden ist.

Die Orange-Pi-Rechner fielen schnell durch ihren extrem geringen Preis auf. In einem Interview erklärte Steven Zhao, wie der zustandekommt. Demnach werden die kostengünstigeren werden tatsächlich zum Preis der Bauteile verkauft. Möglich ist das durch die finanzielle Unterstützung des chinesischen Staates, aber auch durch den Verzicht auf ein Vertriebsnetz und die nur rudimentäre Software-Unterstützung der Boards mangels Personal sowie den extrem kurzen Entwicklungszyklus von gerade mal drei Monaten für ein Modell.

Mit runden und eckigen Kanten

Die früh bekanntgewordene mangelhafte Software-Unterstützung und Aliexpress als einzige Bezugsquelle hielten Nutzer lange davon ab, sich tiefer mit dem Orange Pi zu beschäftigen. Doch mit dem Smartphone-Projekt vor Augen bestellte Golem.de ein Orange Pi 2G IoT und ein dazugehöriges Android-Touchscreen-Display in Schwarz zum Gesamtpreis von 22 Euro. Bereits drei Wochen später ist das kleine Paket da.

Sowohl die Platine als auch das Display sind sicher verpackt und trotzdem schnell ausgepackt. Das 3,5-Zoll-TFT-Display zieht zuerst unsere Aufmerksamkeit auf sich. Es handelt sich tatsächlich um die Front eines Android-Displays. Es gibt nicht nur die üblichen drei Tasten, sondern auch Öffnungen für einen Lautsprecher und eine Frontkamera.

Leider ist die Touch-Oberfläche fest mit dem eigentlichen Display und dieses mit einer Platine verbunden. Diese Konstruktion ist zwar angenehm verwindungssteif, aber insbesondere die große Platine stört. Ihre Ecken ragen über die abgerundeten Ecken der Touch-Oberfläche hinaus. Wer es darauf anlegt, dürfte aber problemlos einige Millimeter vom Platinenrand wegschleifen können.

2G im doppelten Sinn

Auf der kleinen Platine des Orange Pi fallen sofort die beiden Antennen auf. Die eine soll den WLAN- (nach 802.11 b/g/n) und Bluetooth-Empfang verbessern, die zweite Antenne mit Klebepad dient dem 2G-GSM/GPRS-Empfang. Die technischen Daten des Orange Pi 2G IoT sind hingegen alles andere als auffällig. Der Prozessor ist ein RDA8810P, er basiert auf einem einzelnen, in die Jahre gekommenen Cortex-A5-Kern, schafft allerdings 1 GHz. Die RAM-Größe von 256 MByte ist selbst bei Bastelrechnern selten geworden. Damit hängt der Orange Pi anderen aktuellen Bastelrechnern so sehr hinterher wie das 2G-Mobilfunk-Netz dem 4G-Netz.

Allzu viele Anschlüsse gibt es ebenfalls nicht. Eine USB-Mikro-Buchse dient zur Stromversorgung. An eine reguläre USB-Buchse kann zum Beispiel eine Tastatur angeschlossen werden. Über eine kombinierte Klinkenbuchse werden Tonsignale aufgenommen oder eingespeist. Alle drei Anschlüsse liegen auf einer Platinenseite. Auf eine HDMI-Schnittstelle wird verzichtet, auf die für das Projekt relevante LCD-Schnittstelle nicht. Die GPIO-Leiste mit 40 Pins soll dem Raspberry Pi entsprechen.

Als Massenspeicher lassen sich eine Micro-SD-Karte oder auch schmale 500 MByte Flashspeicher verwenden.

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